Arbeitsunfähigkeit - Was ist erlaubt?

Ist ein Arbeitnehmer arbeitsunfähig erkrankt, stellt sich die Frage, welchen Tätigkeiten er nachgehen darf und inwieweit er sich heilungsfördernd verhalten muss.

Zunächst gilt, dass alles erlaubt ist, was den Heilungsprozess nicht beeinträchtigt, gefährdet oder verzögert. Heilt jedoch die Erkrankung aufgrund leichtsinnigen Verhaltens nicht aus, oder wird die Arbeitsunfähigkeit hierdurch verlängert, kann hierin ein schuldhaftes Verhalten liegen, welches arbeitsrechtliche Konsequenzen, bis hin zur außerordentlichen Kündigung, nach sich ziehen kann, so das BAG in einer Entscheidung vom 02.03.2006. Entschieden wurde vom BAG der Fall eines im öffentlichen Dienst beschäftigten Arztes, der wegen einer Hirnhautentzündung arbeitsunfähig krankgeschrieben war, gleichwohl in Skiurlaub fuhr und sich bei einem Skiunfall Schien- und Wadenbein brach, was zu einer Verlängerung der aufgrund der Hirnhautentzündung bereits bestehenden Arbeitsunfähigkeit führte. Die daraufhin vom Arbeitgeber ausgesprochene außerordentliche Kündigung hatte Bestand. Das BAG verwies im Ergebnis darauf, dass der Arzt gegen seine arbeitsvertragliche Nebenpflicht, den Heilungsprozess nicht zu gefährden, verstoßen hatte. Dies sicherlich ein Extrembeispiel.

Das einem Arbeitnehmer während einer Arbeitsunfähigkeit erlaubte (Freizeit-) Verhalten richtet sich im Ergebnis jeweils nach dem Grund der Krankschreibung und der hierauf basierenden ärztlichen Empfehlung.

Bettruhe
Ist vom Arzt Bettruhe empfohlen oder verordnet, ist ein Aufenthalt außerhalb der Wohnräume grundsätzlich nicht gestattet. Die Ausnahme bilden notwendige Arzt- und Apothekenbesuche sowie notwendige Einkäufe.

Einkaufen
Notwendiges Einkaufen ist grundsätzlich gestattet, nicht jedoch ausgedehntes „Shopping“. Bei verordneter strikter, absoluter Bettruhe sollten auch die notwendigen Einkäufe von Dritten besorgt werden.

Freizeitveranstaltungen
Der Besuch von Freizeitveranstaltungen, wie z.B. Kinobesuche, Theaterbesuche, etc. hängt von der Art der jeweiligen Erkrankung ab. So wird beispielsweise bei einem Armbruch oder einer Sehnenscheidenentzündung hiergegen nichts einzuwenden sein. Problematisch wird es jedoch bei starken Erkältungen, Bindehautentzündungen oder ähnlichen Krankheiten.

Gaststätte, Restaurant, Biergarten
Dass der Besuch einer Gaststätte, eines Restaurants oder eines Biergartens durch einen arbeitsunfähig erkrankten Mitarbeiter grundsätzlich den Unmut seines Arbeitgebers hervorruft, dürfte auf der Hand liegen. Derartige Besuche sollten daher, unabhängig vom Grund der Erkrankung, grundsätzlich unterbleiben.

Steuern eines Kraftfahrzeugs
Das Steuern eines Kraftfahrzeugs ist grundsätzlich erlaubt, es sei denn, die Art der Erkrankung bzw. die vom Erkrankten eingenommenen Medikamente sprechen dagegen.

Nebentätigkeit
Streitig ist, ob der arbeitsunfähig erkrankte Mitarbeiter einer erlaubten Nebentätigkeit nachgehen darf. Ungeachtet dessen, ob es sich hierbei um eine entgeltliche oder unentgeltliche Nebentätigkeit handelt, sowie unabhängig davon, ob gegebenenfalls eine ärztliche Freigabe zur Ausübung der Nebentätigkeit vorliegt, wird empfohlen, auch die Nebentätigkeit während der Arbeitsunfähigkeit ruhen zu lassen.

Reisen
Reisen sollten aufgrund des damit verbundenen Ortswechsels nur auf ärztlichen Rat hin und nur mit vorliegender schriftlicher Einverständniserklärung des Arztes erfolgen.

Spaziergänge
Gegen Spaziergänge wird regelmäßig nichts einzuwenden sein, es sei denn, es ist vom Arzt strikte Bettruhe verordnet.

Sport
Sport sollte regelmäßig unterbleiben, es sei denn, die beabsichtigte sportliche Betätigung ist vom Arzt empfohlen und dem Gesundungsprozess förderlich, beispielsweise Gymnastik, Schwimmen oder der Besuch eines Fitnessstudios bei Rückenproblemen. Die sportliche Betätigung darf jedoch nicht unter leistungssportlichen Gesichtspunkten betrieben werden. Schwimmbadbesuche bei Erkältungskrankheiten sollten ebenfalls unterbleiben. Gleiches gilt für die Ausübung typischer Freizeitsportarten, wie z.B. Fußball oder Tennis.

Krank zur Arbeit
Die Wiederaufnahme der Arbeitsleistung vor Beendigung des Heilungsprozesses sollte nicht erfolgen. In der Regel schadet der Erkrankte hierbei zunächst sich selbst. Die Genesung dauert in der Regel länger, was gegebenenfalls zu Problemen bei der Entgeltfortzahlung und dem Bezug von Krankengeld führen kann. Auch dem Arbeitgeber ist nicht gedient. Kranke Mitarbeiter verursachen häufiger Arbeitsunfälle. Zudem besteht bei entsprechenden Krankheiten Ansteckungsgefahr.

Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass der arbeitsunfähig Erkrankte Arbeitnehmer - jeweils in Abhängigkeit der vorliegenden Erkrankung - bei von ihm beabsichtigten Tätigkeiten nach dem „gesunden Menschenverstand“ handeln und in Zweifelsfällen einen Arzt konsultieren sollte.


Für weitergehende Informationen stehen Ihnen die Rechtsanwälte Wagner + Gräf, WÜ, gerne zur Verfügung.

RA Dieter Gräf
Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht, Würzburg

12.11.2012